Dek 21 - Deklaration für einen Kurswechsel in der Medienlandschaft - 21 Thesen für eine schärfere Kommunikation

5. März 2010 // Johannes Buzási

Lob und Widerspruch…

… wir freuen uns sehr über die Debatte, die seit gestern rund um unsere Deklaration entstanden ist. Einige spannende Hotspots:

Auf Twitter wird unsere Deklaration häufig erwähnt, durchaus auch kritisch und manchmal mit der typischen Häme, aber auch mit vielen Unterstützungskommentaren.

Und natürlich hier auf unserer Seite. Eine Aspekt, der in den Beiträgen häufiger hervorgehoben wird, ist die Frage nach der Rolle des Journalismus und wie sich die “geschärfte PR” zu ihm verhält. Viele diskutieren zudem, wie man denn zu mehr Haltung, Klarheit, Debatte kommen könnte und was passieren muss, dass hier ein Umdenken einsetzt. Auch hierauf werden wir noch ausführlicher eingehen.

Das Branchenmedium PR-Report hat sich aktiv und kritisch in die Debatte eingeklinkt und einen längeren Beitrag über die Deklaration veröffentlicht. Es fehlt dort leider die Kommentarmöglichkeit, so dass wir nicht direkt antworten können. Überschrift: Kurswechsel in die Einbahnstraße.  Auch bei kress und Horizont finden sich Artikel. Bernhard Fischer-Appelt war am Donnerstag für ein Interview in Frankfurt.

Doch nicht nur Medien oder Beobachter, auch unsere PR-Kollegen aus dem Verband der führenden PR-Agenturen GPRA haben den Faden aufgenommen und sich in einen engagierten Email-Verkehr eingeklinkt. Da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen, aber wir sind gespannt, was unsere Thesen im Dialog mit unseren Kollegen in Zukunft noch anstoßen werden…

5. März 2010 // Harald Ehren

Die hyperzynische Gesellschaft

Wir leben in einer hyperzynischen Gesellschaft, in der kaum noch jemand auch nur ein Fizzelchen bereit ist, wirklich zu debattieren.

Ein Diskurs wird vorgespielt, findet aber nicht statt. Aus Angst, sich zu weit vorzuwagen. Aus Bräsigkeit, weil Debattieren auch Zeit und Grips kostet. Weil sich vor allem aber one-voice wie ein Alien aus den bekannten Science-Fiction-Horror-Blockbustern in die Kommunikatteure gefressen hat. Aus one-voice wird no-voice. Und das Gift, dass aus no-voice tropft, führt zu Zynismus, der lähmt, der Kommunikation abtötet.

Wir, die dek21-Autoren, sind gewiss nicht men in black, die unsere Welt vor den zynischen one-voice-Aliens retten wollen oder gar müssen. Wir bieten freilich als eine Art Penicilin etwas an, das jeder selbst mit Leben erfüllen muss. Ohne Angst vor einer medialen Eskalationsspirale. Wir empfehlen, quasi als eine Art Dr. Best der PR „Kommunikationsprokura“. Befeuern Sie die alerten Mitarbeiter ihrer Organisation, sich zu äußern (die Uninspirierten haben Sie ohnehin schon verloren, also halten sie sich nicht mit denen auf). Animieren Sie Ihre Experten, unterschiedliche Schlaglichter auf einen kommunikativen Sachverhalt zu werfen. Aus diesen Facetten entsteht ein stimmiges Bild, das one-voice überlegen ist. Weil es authentisch ist und damit den Zynismus-Panzer der Menschen in unserer Gesellschaft durchbricht.

5. März 2010 // Johannes Buzási

Just do it!

“Da habt ihr euch ja was Schönes ausgedacht.” So lautet im Augenblick die häufigste Reaktion auf unsere Deklaration. Bei all dem, was andere umherfliegenden Manifeste und Thesen so an Kontroversen hervorwirbeln – mit unserem “schärfen statt glätten” rennen wir offene Türen ein.

Es scheint als fände jeder es gut, wenn wir für mehr Position, mehr Klarheit, mehr Eindeutigkeit eintreten. Und so lautet eigentlich die häufigste Kritik: Was ist den nun das Spannende an dieser Deklaration? Ist das nicht einfach nur banal, überflüssig, gekannt was wir hier schreiben?

Das Interessante an dieser Diskussion, ja, das eigentlich Provokante an unseren Thesen, ist für mich, dass das, was wir fordern, zwar offensichtlich von allen irgendwie für richtig erachtet wird. Dass das aber eben lange noch nicht heißt, dass es so auch gelebt wird.

Im Gegenteil: In großen Teilen unserer Gesellschaft, in Wirtschaft und Politik geht es eben (immer noch) um Verwässerung, um Glattbügeln, um Wegducken –  ein Blick in die Zeitung zeigt, dass wir weit davon entfernt sind, durch mutige Pointen Stellung zu beziehen. Das Entpolarisierte dominiert. Es geht nicht um Position, sondern um Lärm. Hysterie ist aber nicht Schärfen. Hysterie ist Verwischen.

Insofern können und sollen unsere Thesen für diejenigen, die hier so eifrig zustimmen, eine Richtschnur sein. Eine Richtschnur an der man ablesen kann, ob das eigene Kommunizieren auch tatsächlich so pointiert, so klar, so meinungsstark ist, wie man es gerne hätte.

Ein Kurswechsel ist ein Kurswechsel ist ein Kurswechsel. Dazu muss man das Rad nicht neu erfinden. Aber man muss das, was man für gut und richtig erachtet hat, auch umsetzen. Und da sind wir allesamt gefordert, mitzuziehen. Unsere Deklaration ist die Richtung. Just do it.

3. März 2010 // Andreas Vill

Raus aus dem digitalen Treibsand

Noch sind sie an der Spitze: Mit 46% sind die Websites von TV- und Radiosendern Informationsquelle Nummer 1 der Deutschen im Netz. Gefolgt von den Netz-Angeboten der Tageszeitungen und politischen Magazine (39%) sowie denen der Fachmagazine (31%). So heißt es in der zur Cebit veröffentlichte Studie des IT-Branchenverbands BITKOM.

Vor 10 Jahren wär’s das mit der inhaltlichen Vielfalt gewesen. Heute stehen wir vor einem viel abwechslungsreicheren Angebot und informieren uns bevorzugt auch aus reinen Online-Fachmagazinen (30%) Online-Newsangeboten (23%), in Communities und Twitter (je 13%), Foren (12 %) und Blogs (10%). Eine „Vervielfaltisierung“, die dem Wandel im Produktsortiment bei der Einführung der Marktwirtschaft damals in den Ostblock-Staaten gleicht kommt.

Und so wie damals die Westsupermärkte so ziemlich jeden Ramsch und Tand an die vielfalt-hungrigen Menschen aus dem Osten verhökerten, redet, schreibt und veröffentlicht inzwischen auch jeder ohne Unterlass. So köchelt eine digitale Suppe aus unterschiedlichsten Ingredienzen vor sich hin. „Hobby-Journalismus“ können sich heute schon viele in ihren Lebensläufe schreiben, mit ihren Geschichten, Kommentaren, mehr- oder weniger intelligenten Dialogen und digitaler Kakophonie. Und dabei wissen sie oft nicht, was sie tun.

Denn sie reden und schreiben, was andere lesen – und glauben: Zu Themen wie Hartz-Lobby, Bankerboni, Köln-Versumpfung, Steuerdaten-CD, Gläserne Kunden, Google Buzz & Co. Daraufhin wählt der Arbeitskollege schon mal die Linken statt wie sonst die SPD, kündigt die Großtante ihr Konto bei ihrer Bank und bucht der Nachbar sein vermeintliches Luxus-Hotel in Asien um, weil auf Tripadvisor gerade darüber abgelästert wird. Im Mittelpunkt stehen immer Promis aus Politik, Gesellschaft und Wirtschaft, namhafte Unternehmen sowie deren wertvolle Marken und Produkte. Wahrgenommen werden sie irgendwie fast alle, aber prägend sind davon leider noch wenige. Stattdessen nehmen Unternehmen in Kauf, im digitalen Treibsand unterzugehen. Denn dabei trennt sich Spreu von Weizen, lohnt sich scharfes Profil und zeigt sich wahres Gesicht. Wie das Bohlen, Westerwelle, Apple und Co. uns vormachen, so umstritten sie sind.

Ein zentrales – nicht neues – Fazit der Bitkom-Studie belegt denn auch mit eindrucksvollen Zahlen den Einfluss von Online-Bewertungen für Kaufentscheidungen: „Das Internet gibt den Verbrauchern neue Macht. Auch für Unternehmen wird der Kunde zum Co-Produzenten“. Wer hier nicht prägt, der trägt: Die Verantwortung und Konsequenzen für einen Mangel an Orientierung und eigenem Profil.