Ich weiß ja nicht, ob Sie jemals in ihrem Leben den Wunsch gehegt haben, Türsteher zu werden oder so was wie „immer-auf-der-Gästeliste-stehen“. Also ich habe so einen Job nie angestrebt, obwohl ich durchaus die Profession des Türstehers nicht mehr verachte. Wohl auch deshalb, weil ich im Gegensatz zu früher, als ich noch als zotteliger Journalist unterwegs war, in die Läden ohne Murren reinkomme. Liegt bestimmt an meinem Alter und der Ausstrahlung, genügend Kohle in dem betreffenden Etablissement zu lassen.
Nein, ich wollte nie Türsteher, sondern immer Journalist werden. Irgendwie auch eine Form von „Gatekeeper“. Einer, der halt für andere denkt. Der Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden kann und neutral, unmanipuliert seinen Lesern, Zuhörern oder Zuschauern irgendwie die Welt erklärt. Immer eingedenk des niemals unaktuellen Satzes von Hanns-Joachim Friedrichs: „Mache Dich als Journalist nie gemein mit einer Sache, mag sie auch noch so gut sein“.
Warum diese Vorrede? Weil ich für Klarheit und Schärfe plädiere. Journalisten sollen Gatekeeper sein und PR-Berater sollen sie dabei unterstützen. Nur ist derzeit an dieser Stelle einiges durcheinander geraten.
Es hat hier schon einige sehr prägnante und teilweise – sorry, für die Publikumsbeschimpfung – verschwurbelte Kommentare und Selbstdarstellungen gegeben. Diese Beiträge – auch in externen Blogs und Foren – lassen sich indes leicht in zwei Lager spalten: die einen fragen sich, was dek21 eigentlich soll, wohin es führt und ob es überhaupt weiterführt. Die anderen fühlen sich provoziert, in ihrer Standesehre angegriffen oder halten es wie der öffentlich-rechtliche Dauertalkgast Klaus Kocks in seinen Aufritten bei Will, Maischberger oder Plasberg: was kümmert’s mich, Hauptsache ein nettes Bonmot zum Besten geben.
Indes hat niemand bisher die Frage diskutiert, wie Kommunikation demnächst überhaupt aussehen soll. „Wie geht es weiter?“ fragt aktuell auch Brandeins. Und stellt die einzig richtige Sinnfrage. Ich antworte: so geht es auf jeden Fall nicht weiter. Mit Journalisten die trotz oder gerade wegen der Abbauschlacht in den Medien der Qualtitätslüge verfallen. Und PR-Beratern, die hilflos lamentierend daneben stehen, statt Alternativen zu ihrem Wirtstier zu finden.
Was aus meiner Sicht die Nichtversteher und Schaumschläger aus der PR-Branche mit den Ignoranten in den Reihen der Journaille vereint, ist pure Angst. Die Angst abgehängt zu werden. Nicht mehr up-to-date zu sein. Im aktuellen Kondratieff nicht mehr mitspielen zu können.
Bei den Journalisten ist es schlicht die Angst, die Rolle des „Gatekeeper“ zu verlieren. Ein sehr schönes Beispiel für die Beißreflexe der „Papiermenschen“ gegen Blogger und umgekehrt findet sich bei Thomas Knüwers Blog Indiskretion Ehrensache zur jüngsten re:publica 10. In seinem Blog erwähnt Knüwer unter anderem einen Autoren der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, der sich über „zottelige Blogger“ ausmährt. Knüwer regt sich darüber auf. Kein Wunder, möchte man denken. War er doch früher auch ironiebefreiter Redakteur des Handelsblatts, bei dem die titaniceske Näherung an Themen sicherlich nicht in der Tradition steht. Was sich aber in dem Aufeinandertreffen von zwei ironiefreien Journalisten sehr schön ablesen lässt.
Nun diskutieren wir also über iPad-Apps und wie diese den Journalismus retten werden, könnten, sollten. Wir reden über Newsrooms und Laienreporter (weitere Rettungsanker). Wir erfahren, dass die PR-Branche eine ganz schmuddelig-schmutzige Angelegenheit ist. Wir debattieren Kanäle und keine Inhalte. Daran krankt die Blogger-Diskussion. Daran krankt die Journalismus-Debatte. Und daran krankt auch das PR-Bashing. Es geht nicht um Channels – Content is King. Nein, Content is Kaiser. Wir werden uns die gesellschaftliche Relevanz von Journalismus und auch die gesellschaftliche Wichtigkeit von PR nicht erhalten, indem wir Apps entwickeln.
Sascha Lobo nannte den Zustand des Journalismus kürzlich in der Süddeutschen Zeitung die „Schockstarre des Rehs“. Ja, es ist wichtig, über die Zukunft der Geschäftsmodelle zu debattieren. Doch genau wie die Schockstarre ist wilder (Social Media-)Aktionismus fehl am Platz: Muss ein guter Journalist tatsächlich auch ein Premium-Twitterer sein? Wollen die Menschen ihre Nachrichten in 140 Zeichen? Oder geht es nicht vielmehr um einen Journalismus der im medialen Geschwindigkeitsrausch Zusammenhänge schafft? Der erklärt. Der nicht aalglatte Agentur-Meldungen abschreibt, sondern die Inhalte dahinter zu gesellschaftlichem Leben erweckt.
Das ist ein Journalismus, der sich nicht überflüssig macht, und den ich mir wünsche.




