Dek 21 - Deklaration für einen Kurswechsel in der Medienlandschaft - 21 Thesen für eine schärfere Kommunikation

10. März 2010 // Bernhard Fischer-Appelt

Design: Pflicht, nicht Kür

Das zweifelsohne aneckende Design unserer Deklaration wurde von Anfang an viel gelobt, aber auch häufig hinterfragt. Kaiserlich-reaktionär? Augenwischerei? Effekthascherei? Oder gar “braune Leihgabe”?

Gestaltung ist nicht optional. Oberflächen sind der Punkt, an dem Inhalte fühlbar werden. Die Visualität unserer Deklaration orientiert sich an ihren Themen und interpretiert sie. Deshalb sieht jede Seite unseres Hefts anders aus – wie auch der Inhalt jeder Seite anders ist.

Unser Heft ist eine kleine Hommage an die berühmt-beliebten Reclam-Hefte. Minimalistisch und sparsam in der Ausstattung sind diese in der Literatur ein GEBRAUCHSGUT, also ein Gegenstand, den man benutzen, sogar verschleißen kann und soll. Was zum Zeitpunkt des Entstehens der Reclam-Kultur eine Demokratisierung der Literatur war, nämlich ein Bruch mit dem Bestehenden, ist heute wenn man in Deutschland gute und auch opulente Gestaltung einsetzt: Ein Bruch mit der Kultur der reinen Nützlichkeit. Etwas, wozu wir den Draht verloren haben. Deshalb kommt auch die Basis-Technologie des iPods aus Deutschland, aber das Produkt eben nicht.

Ein Reclam-like-heft mit Frakturtitel? Fraktur wird zwar von Beyoncé verwendet und von der F.A.Z., ist aber sonst aus unser Kultur fast verschwunden. Frakturschrift verdeutlicht die Schärfe, die unsere Deklaration beinhalten soll, lässt andererseits aber auch Interpretationsspielraum zu. Kissen-Strickmuster à la “Home sweet home”, Computerpixel, ältere Nadeldrucker? Wir wollen nicht nur Konsequenz verdeutlichen, sondern auch die Phantasie anregen, mit dem Inhalt zu spielen, ihn weiterzudenken und zu deuten. Uns war klar, dass Fraktur provoziert. Aber schaut Euch mal das Buch “Fraktur mon amour” an. (Es handelt sich übrigens nicht um eine “Nazi-Schrift”, denn die Frakturschrift wurde ab 1941 sogar als sogenannte “Judenletter” verboten! Danke, Neue Züricher, Hamburger Abendblatt, dass ihr die Kultur der Fraktur-Familie nicht den Neonazis überlasst).

Die Gestaltung der einzelnen Seiten: “PR muss Positionen entwickeln”. Das kann man schreiben oder man kann es schreiben. Wir entschieden uns für letzteres. Die Gestaltung der These wird durch die Wahl der Typographie, durch den Einsatz von Gestaltung erst zum Leben erweckt, wird interpretiert, erhält eine Richtung. Wir inszenierten nicht willkürlich, sondern herausfordernd, anregend zum Diskurs.

Ein Adidas Samba Schuh, ein Mercedes 300SL, ein Barcelona-Stuhl. Ohne uns in diese Reihe stellen zu wollen: Gestaltung ist doch mehr als nur Form! Gestaltung bestimmt den Inhalt, entscheidet darüber ob etwas trägt oder nicht. Design ist also nicht Kür – Design ist Pflicht.

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2 Kommentare für “Design: Pflicht, nicht Kür”


    Hallo Bernhard,

    ich muss sagen, dass ich immer wieder verblüfft, ja manchmal geradezu frustriert bin, mit welcher Heftigkeit und Fantasielosigkeit manche Menschen an die Beurteilung von Dingen gehen. Da kommen sofort Automatismen. Da wird jedes “Andere” sofort mit dem Bestehenden und Eingeschliffenen verglichen, ohne es wirklich abzuwägen. Und jetzt betrifft es eben mal die Kommunikation(sbranche).

    Ihr FORDERT klare, kantige Positionen, und das Teil hier IST eine klare, kantige Position. Ich finde es sehr gut, dass Ihr aneckt. Ich finde es gut, dass Ihr einen Diskurs anregt. Klar, ich könnte im Detail auch einiges an diesem Auftritt kritisieren. Und natürlich fuchst es mich als Wettbewerber, dass Ihr hier eine schöne Plattform habt, die ich nicht habe, oder die “unser Club” nicht hat. Aber das sind nur Neid und Detailverliebtheit. Sobald ich mal mein Ego für einen Moment an der Garderobe abgebe, überwiegt die Anerkennung.

    Aber irgendwie glaube ich, dass wir eigentlich noch eine weitere Aktion brauchen, eine ergänzende, die das Thema noch eine Stufe weiter treibt. Die sich auch mal des Themas “Diskurs” annimmt, oder auch der “Kultur des Diskurses”. Ich habe das Gefühl, dass das eine mit dem anderen zu tun hat – also Stellung beziehen und Diskurs-Kultur. Vielleicht habe ich da auch falsche Vorstellungen und meine, dass ein “Diskurs” grundsätzlich konstruktiv zu sein habe, dass er sich auf die Sache bezieht, sich nicht in Polemik oder Rhetorik erschöpft, und nicht immanent den Diskurs zu beenden versucht, um die Artikulation einer “neue Meinung” zu ersticken. Oder auch nicht den Gegenredner persönlich zu diskreditieren versucht.

    Der “Diskurs” in unserem Club ist da ein schönes Beispiel, ein “Worst Case” sozusagen. Das erscheint mir so gar nicht “führend”, sondern eher reaktionär oder Machtansprüchen beziehungsweise Egos geschuldet. Ihr werdet da ganz schön kritisiert, und viele hätten Euch gerne vorher an die Leine gelegt, hätten diese Deklaration gerne verhindert – zumindest in dieser Form verhindert. Ihr habt Euch nicht drum geschert. Ihr habt “Euer Ding” gemacht, weil Ihr es richtig fandet. und Ihr habt es so gemacht, wie Ihr es für richtig haltet. Find ich gut.

    Ich nehme Euch sofort auf meine “Punk”-Twitterliste. Danke.


    Beobachtung führt immer zu Nicht-Beobachtetem. Eine Analyse kann nicht über ihre Grundannahme des Analyseobjektes hinausgehen. Der Grund heißt hier: “Die großen Gesellschaftskonflikte, die Polaritäten sind vorbei. ” Dem widerspreche ich grundsätzlich. Das heißt für mich auch: Wir haben zuletzt ein ästhetisches Problem. Design beantwortet die Frage, was ziehe ich an, nicht, was soll ich tun.