Dek 21 - Deklaration für einen Kurswechsel in der Medienlandschaft - 21 Thesen für eine schärfere Kommunikation

These-4
9. März 2010 // Johannes Buzási

Weg mit der 1984-Keule!

George Orwell beschrieb in “1984″ ein Überwachungssystem – ein Staat ohne Privatsphäre, in dem “die Partei” alles über die Bürger weiß.

Orwell lebt: Sobald es heute um Facebook, Streetview oder Youtube geht, bemühen Politiker, Feuilleton und Eltern dieses Bild des Überwachungsstaates. Orwell lebt also, aber er hat nicht Recht. Denn das Internet ist nicht böse.

Ja, wir haben die totale Technik, die, ähnlich wie Orwells Teleschirme, Einblicke in das Leben anderer Menschen erlauben. Ja, wir haben das. Wir können ganz viel einsehen, mitbekommen, recherchieren. Aber letzten Endes kam doch nicht Orwell heraus, sondern das genaue Gegenteil:

Vernetzung ist nicht Einschränkung, Vernetzung ist Freiheit. Chinesische Oppositionelle, die sich dank des Internets der Zensur und der Kontrolle ihrer Diktatur erst entziehen können. Die sterbende Neda während der iranischen Proteste im Sommer 2009 – ein verwackeltes Handyvideo auf Youtube, das ein Regime entblößte. Die Überwachung von Abgeordneten und die Überwachung von Polizisten. All das sind Beispiele für die Kraft der Vernetzung, für die positiven Auswirkungen des Internets.

Natürlich müssen die Menschen lernen, mit diesen neuen Technologien umzugehen. Und natürlich passieren dumme Fehler dabei. Aber: Nicht Freiheit ist schwerer geworden, sondern Diktatur!

Google-Bashing und Payback bringen uns nicht weiter. Wir brauchen uns nicht zu fürchten vor jüngeren Generationen, die ganz anders mit den Möglichkeiten der Vernetzung umgehen. Denn die Gesellschaft profitiert davon, dass Menschen lernen, zwischen Inszenierung und Authentizität zu unterscheiden – und dies auch selbst nutzen. Sie haben ein geschärftes Bewusstsein von politischen und wirtschaftlichen Zusammenhängen. Sie können Wahrheit und Unwahrheit autonomer unterscheiden. Sie entwickeln einen eigenen, einen neuen Stil des Umgangs miteinander. Sie sind kritisch, fragend, skeptisch, emotional, schwer zu überzeugen, manchmal hysterisch, häufig diskussionslustig, meist aber offen für Argumente. Wer mitreden will, muss Position beziehen, muss schärfen statt glätten.

Das Web ist nicht böse. Kommunikatoren, die dies begreifen und leben, können sich dort sicher bewegen und Großes verändern.

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2 Kommentare für “Weg mit der 1984-Keule!”


    Hallo Johannes,
    Danke für Deine klugen Gedanken zum Web 2.0. Ich bin zwar “digital immigrant”, aber trotzdem überzeugt, dass social media zum zentralen Treiber in der Kommunikationspolitik wird.
    Es findet eine gigantische Revolution im Marketing und Vertrieb statt, erstmals weiss der Kunde (auch am Verkaufsort) mehr als der Verkäufer. Es ist das Zeitalter von Authentizität und Glaubwürdigkeit.
    Wie wunderbar. Lass uns gemeinsam dafür einstehen, dass das auch so bleibt!
    Danke.
    Bert


    Hallo Bert,

    ja, wir erleben gerade eine spannende Zeit mit tollen Möglichkeiten. Ich glaube schon, dass es wichtig ist, die vielen neuen Technologien und Kulturen auch immer zu hinterfragen und abzuklopfen. Aber das darf nicht bremsend, sondern muss konstruktiv geschehen. Da haben wir oft noch zu sehr Angst vor dem Ungewohnten.

    Und was auch gilt: Du schreibst von Authentizität und Glaubwürdigkeit – ich sehe hierin eine ganz neue Herangehensweise an Inszenierung. Die an sich ist ja nicht schlecht, aber es gilt, sie nun anders zu leben. Eben weil sie glaubwürdig und authentisch sein muss. Dieses Spannungsfeld ist für mich etwas, was die Kommunikation in Zukunft noch stark prägen wird.

    Danke für die netten Worte und viele Grüße
    Johannes